Die homöopathische Gewissensverteilung und die Logik des Marktes

Wir leben in einer widersprüchlichen Welt. Die Menschheit beutet sich gegenseitig aus und zerstört nebenbei ihre eigene Lebensgrundlage. Warum gibt es Lohndumping, Kinderarbeit und exzessive Umweltverschmutzung? Warum hat die Erde eine Nordhalbkugel, die wohlhabend und „fett“ ist und eine Südhalbkugel, die arm und „dürr“ ist? Die Liste der Schlechtigkeiten ist lang. Wieso gibt es so viel Fragwürdiges in der Welt, obwohl die Mehrheit eine Verbesserung befürwortet und die technischen Möglichkeiten durchaus gegeben sind?

Machen wir uns auf die Suche nach einer Antwort auf die „Schuldfrage“: Gibt es eine böse Macht? Eine, die das Leid genießt und keine Veränderung zulässt? Sind es vielleicht die Kapitalisten, die mit ihren gemeinen Marketingstrategen und kreativen Designern gemeinsame Sache machen? Die Antwort liegt auf der Hand: Ja, die sind schuld – aber genau so viel oder wenig wie alle anderen. Mit „allen“ meine ich: den Unternehmer, den Konstrukteur, den Informatiker, den Arbeiter, den Marketingstrategen, den Designer, den Einkäufer, den Verkäufer … und den Konsumenten. Hinter all diesen Akteuren stecken Menschen – nur keiner scheint ein schlechtes Gewissen zu haben.

Klar, ab und zu wird jeder von uns daran erinnert, wie schlecht doch so vieles auf der Welt ist – in diesen Momenten zwickt uns vielleicht kurz ein schlechtes Gewissen. Besonders über die Medien erfahren wir, wie viel Elend es in der Welt gibt. Können Sie sich vorstellen, dass es indische Kinder gibt, die – womöglich gerade jetzt im Moment – dazu gezwungen werden Maschinen zu bedienen, die Lärm von rund 120 Dezibel erzeugen. Die kritische Grenze ist damit weit überschritten: Die meisten dieser Kinder sind fast vollständig taub. Keinen interessiert es, dass sie sich permanent an den schweren Geräten verletzen, und ständig Staub in ihre kleinen Lungen pumpen. Wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen werden die meisten dieser Kinder wahrscheinlich nicht über 35 Jahre alt. Die Zahl von ca. 150000 Kinderarbeitern in Indien ist erschütternd. Das Schlimmste an der Geschichte ist aber, dass wir diejenigen sind, die von der Arbeit dieser Kinder profitieren! Die eben geschilderten Kinder arbeiten in Steinbrüchen und stellen Pflastersteine her: Steine, die in Berlin auf dem Oranienplatz, irgendwo in München, irgendwo in Köln und irgendwo in anderen Städten verlegt sind.116
Beispiele wie diese „blutigen Pflastersteine“ gibt es massig. Und jedes Mal werden wir feststellen, dass es nicht nur einen Schuldigen gibt: „Irgendjemand“ hat – wie im Fall der Pflastersteine – nach dem Grundsatz der Sparsamkeit gehandelt und sich für das „wirtschaftlich günstigste Angebot“ entschieden. Dieser hat darauf geachtet, dass der Lieferant zuverlässig, in ausreichender Menge und guter Qualität, Pflastersteine liefern kann. Auf soziale Aspekte hat er keine Rücksicht genommen (oder muss man sagen: nehmen dürfen?). Jemand anderes hat ein unethisches Angebot gemacht. Jemand hat die Steine in Indien geordert. Jemand hat die Steine aus Indien nach Deutschland transportiert. Jemand betreibt Steinbrüche in Indien.

Lassen Sie uns noch ein, im Vergleich zu den Pflastersteinen vielleicht harmlos erscheinendes und dennoch wichtiges Beispiel betrachten: Seit Jahren hört man in Deutschland immer wieder von Streiks der Milchbauern. Um zu demonstrieren, wie wertlos Milch ist, haben Bauern Milch an ihre Kühe verfüttert, eine Scheune damit gelöscht oder die Milchausbeute eines ganzen Tages in der Wiese versickern lassen. Die Landwirte erhalten „derzeit nur gut 20 Cent pro Liter […]. Mindestens 40 Cent pro Liter müssten es aber sein, um steigende Preise etwa für Futter, Sprit oder Pacht zahlen zu können“ ist im Wirtschaftsteil der Welt Online (April 2009) zu lesen.117

Woran liegt es, dass Milch „nichts mehr wert“ ist? Am Milchkonsum liegt es sicherlich nicht, der steigt nämlich weltweit stetig an.118 Dennoch zahlen die Milch verarbeitenden Betriebe den Landwirten zu wenig – und wir können Milch und Milchprodukte zu einem absoluten Tiefstpreis konsumieren. Angenommen ein Milch verarbeitender Betrieb zahlt einen angemessenen Preis. Dazu müsste die Milch im Laden mehr kosten. Das wäre ein deutlicher Wettbewerbsnachteil: Viele Konsumenten würden sich für den günstigeren Konkurrenten entscheiden. Gut, der Milch verarbeitende Betrieb könnte natürlich proklamieren: „Wir beuten die Milchbauern nicht aus, daher ist diese Milch 10 Cent teurer“. Einige Konsumenten werden dieser Argumentation folgen und freiwillig mehr bezahlen – allen anderen werden weiterhin sparen, weil sie wollen oder müssen, sich nicht dafür interessieren, oder diese Information nicht glauben oder übersehen. Dieses Risiko will der Unternehmer oder die Marketingstrategen aber vielleicht nicht eingehen – solange die „Billig, das will ich – Mentalität“ en vogue ist? Bei diesem Beispiel gilt wiederum: Den einen Schuldigen gibt es nicht.

Doch nicht nur der Mensch wird in Mitleidenschaft gezogen. Denken Sie nur an die permanente Abholzung der Urwälder. Das passiert weltweit, obwohl damit nachweislich ein dramatisches Artensterben verbunden ist und der Klimawandel gefördert wird.
Auch im Bereich der Tierhaltung sind viele erschreckende Beispiele zu finden: Das Ziel der industriellen Landwirtschaft ist meist viel und vor allem billig zu produzieren. Schweine, Kälber oder Puten werden in Massen auf engstem Raum, auf Gittern und bei permanentem Kunstlicht gehalten. Die Tiere sind gestresst, ängstlich und aggressiv und werden vor dem Schlachten oft quer durch Europa transportiert. Die Liste an Beispielen ist unbegrenzt fortsetzbar. Sicherlich sind Ihnen auch schon einige eingefallen …

Diese vier Fall-Beispiele kann man in drei Bereiche einteilen: in den sozialen Bereich, den Bereich der Umwelt und den Bereich der Tierhaltung.

Nun, angesichts solcher Tatsachen und der unbegrenzt fortsetzbaren Liste, lautet die Frage immer noch: Warum hat der Großteil der produzierenden, der arbeitenden und konsumierenden Bevölkerung kein wirklich schlechtes Gewissen? Wie kommt es überhaupt zu derartigen Produktionsbedingungen und warum ist es so schwer, diesen Kreislauf zu durchbrechen?

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