Pfäfferli+Huber – Ernst Bettler

Im Jahre 1950 bekam Ernst Bettler, ein Schweizer Grafikdesigner, von dem Schweizer Pharma-Unternehmen Pfäfferli+Huber (P+H) den Auftrag, die neuen Medikamente (u.a. Contrazipan) zu bewerben. Ernst Bettler nahm den Auftrag an – doch er wusste, dass Pfäfferli+Huber an Experimenten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern beteiligt war. In Wirklichkeit hegte er deshalb den Hintergedanken, mit seiner Arbeit dem Unternehmen zu schaden. (Alarmglocken! Ethisch bedenklich?) Er entwickelte also eine Plakatserie, die einiges mehr, als die neue Medikamentenpalette enthüllen sollte. Die Plakate enthielten abstrakte Kompositionen, die als Großbuchstaben interpretiert werden konnten. Jedes Plakat hatte einen solchen Buchstaben. Hängte man die Plakate nebeneinander auf, ergab sich das Wort N-A-Z-I. Nach der Veröffentlichung stießen die Plakate auf derart viel Aufmerksamkeit und Empörung bei der Bevölkerung, dass der Pharmakonzern P+H einige Wochen später daran zerbrach.54

Was hat Ernst Bettler da geleistet? Eine große Tat, weil er einen bedenklichen Konzern zum Scheitern verurteilte? Einen Meilenstein, weil er bewiesen hat, wie viel Einfluss ein Designer tatsächlich haben kann? Oder eine dumme Tat, weil er dadurch leicht das Vertrauen in Designer hätte erschüttern können?

Verschiedene Magazine schrieben jedenfalls begeistert über den Erfolg dieses Designers, der erstmals 2000 im Dotdotdot Magazine veröffentlicht wurde. Das Adbusters Magazin feierte die Arbeit in einer Ausgabe im Jahr 2001 als „one of the greatest design interventions on record.“ Das Grafikdesign-Lehrbuch „Problem Solved“ von Michael Johnson aus dem Jahr 2002 lobte Ernst Bettler als einen der Väter des Culture Jammings. (Culture Jamming versucht, die Werbeindustrie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Ich werde noch genauer darauf zurückkommen.)
Nur: Die Geschichte Ernst Bettlers ist noch nicht zu Ende! 2003 folgte ein weiterer Artikel im Eye Magazin, der die ganze Geschichte um Pfäfferli+Huber als Zeitungsente aufdeckte. P+H, Ernst Bettler, Contrazipan, die Plakatserie – waren allesamt erfunden! Christopher Wilson hatte sie 2000 für das Dotdotdot Magazine geschrieben – und zunächst zweifelte keiner an ihrer Glaubwürdigkeit. Michael Bierut schreibt in seinem Artikel „Will the Real Ernst Bettler please stand up“ Folgendes: „Nun, wenn Sie nach Beweisen suchen, dass Grafikdesign das Potential hat, die Welt zu verändern, müssen Sie sich nur die Geschichte Ernst Bettlers ansehen. Wenn Sie jedoch ein kleines bisschen genauer hinsehen, werden Sie etwas Verwirrendes feststellen: Ernst Bettler gab es gar nicht!“ Auch er findet erstaunlich, wie schnell die Geschichte in Designerkreisen als wahr aufgenommen und gefeiert wurde: „Das zeigt, wie verzweifelt wir Designer uns an jeden Beweis klammern, dass unsere Arbeit die Möglichkeit hat, tatsächlich etwas zu bewegen.“55

Hat der Designer nun die Möglichkeit die Welt zu verändern? Oder hat er sie nicht? Eine schwierige Frage. Hätte er die Pflicht, die Welt zu verändern? (Wenn er könnte?) Eins nach dem anderen – gehen wir zur „zweiten Stufe“:

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