INTRO – Einführung in die Designtheorie

Dieses Buch über Designtheorie widme ich meinen Studenten – zum Dank für alles, was ich von ihnen gelernt habe.

Haben Sie sich schon einmal intensiv mit Designtheorie auseinandergesetzt? Finden Sie das Thema „Designtheorie“ spontan spannend? Hatten Sie immer schon einmal vor, ein Buch über Designtheorie zu lesen?

Selbst, wenn Ihre Antworten gerade durchweg „nein“ waren, bin ich nicht übermäßig überrascht. Denn, ja, es ist eine Tatsache: Designtheorie ist für viele Designer im ersten Moment nicht gerade das begehrteste Thema.
An dem Begriff Designtheorie kleben hartnäckig die unterschiedlichsten Vorurteile: Theorie ist überflüssig, Theorie behindert die Praxis, Theorie ist anstrengend und umständlich, Theorie ist steif und angestaubt. Designtheorie – was genau ist das eigentlich?
Eins nach dem anderen: Zuerst müssen wir feststellen, dass der theoretische Wissensschatz im Design verhältnismäßig gering ist. Misst man in Disziplinlebensjahren, steckt das Design sozusagen noch in den Kinderschuhen. Schließlich gibt es das, was wir heute unter Design verstehen erst seit etwa 150 Jahren.„Wenn es um klassische Musik, Literatur oder Kunst geht, gibt es einenimmensen Wissensschatz und unzählige Abhandlungen zu den unterschiedlichen theoretischen Ansätzen, doch in unserem Bereich gibt es so gut wie nichts“,1 beschreibt Erik Spiekermann die vorherrschende Situation treffend. Die Spärlichkeit dieses darauf zurückzugreifenden Wissens steht in starkem Kontrast zur Häufigkeit, in der uns Design tagtäglich begegnet. Überall, Hunderte Mal jeden Tag treffen wir auf Design – bewusst und unbewusst sind wir ständig von Design umgeben.Und die Geschwindigkeit, mit der sich der Wirkungskreis von Design erweitert, steht in starkem Kontrast zu der Geschwindigkeit, in der sich das darauf zurückzugreifende Wissen erweitert. Umso wichtiger erscheint es, die Designtheorie voranzutreiben. Doch warum zieht das Thema Designtheorie an vielen Designern einfach so vorüber?
Der triftigste Grund ist bestimmt, dass die meisten Designer im ersten Moment gar nicht so genau wissen, was Designtheorie ist und was es ihnen bringen soll, sich mit Theorie zu beschäftigen: „Wenn etwas Praxis ist, dann doch Design! Design ist entwerfen und umsetzen, Design ist produzieren und hervorbringen – allesamt praktische Dinge. Theorie kann doch nur ein ‚Bremser‘ sein und es klappt doch auch ohne Theorie: Die Praxis kommt ganz gut allein zurecht!“, mag ein entsprechender Einwand lauten. Dieses Phänomen der vermeintlichen Kluft zwischen Theorie und Praxis tritt nicht nur im Bereich Design auf. Allgemein hat eine Theorie, deren Verbindung mit der Praxis noch nicht klar ist, eine schwere Stellung. Doch was die Theorie allen Designern bringt, bringen könnte oder bringen sollte, werden Sie wissen, noch bevor das Vorwort zu Ende ist.Ein Phänomen speziell unter Designern ist aber eine regelrechte Theoriephobie. Wenn man Designer mit dem Begriff Theorie konfrontiert, hört man immer wieder besorgte Entrüstung, die Theorie könne die Praxis erdrücken. Es wird oft angenommen, Designtheorie sei etwas, das alles, was spontan und intuitiv abläuft zerpflückt und „kaputtanalysiert“ bis man nicht mehr frei entwerfen kann und dass daraus Vorschriften und Richtlinien resultieren, die die Vielfalt der Profession verkümmern lassen. (Sie werden gleich verstehen, dass diese Sorge vollkommen unbegründet ist.)Ähnlich verhält es sich, wenn man der Kreativität mit Theorien oder Techniken zu nahe kommt: Viele haben Angst, nicht mehr „frei denken“ zu können,  sobald sie sich theoretisch mit der Kreativität auseinandergesetzt haben. Es stimmt, Kreativität ist von Natur aus schwer greif- und festhaltbar, aber diese Sorge ist dennoch unberechtigt. Die persönliche Intuition, die eigene spontane Kreativität wird von der Theorie immer unantastbar bleiben – Kreativität ist robuster (und beflügelbarer) als mancher denkt.
Lassen Sie sich einmal folgende Fragen durch den Kopf gehen: Was ist Design? Was macht den professionellen Designer aus? Was macht ein Designer im Designprozess? In der Tat ist es so, dass vielen Designern, wenn es um diese Fragen geht, im ersten Moment die Worte fehlen.In diesem Fall wird leider manchmal ein einfacher, aber nicht weiterführender Weg eingeschlagen: der Weg der Mystifizierung: Weil man ad hoc nicht so genau weiß, was den professionellen Designer von anderen unterscheidet, betont man dessen „Andersartigkeit“, glaubt man an dessen intuitive Kreativität, dessen geheimnisvolles Talent, das nicht mit Worten zu beschreiben ist. Demzufolge wäre es ohnehin sinnlos, sich theoretisch mit dem „Unbeschreiblichen“ zu befassen. Doch zu der vermeintlichen Sinnlosigkeit kommt noch eine regelrechte Sorge hinzu: Die Designtheorie könnte den Prozess „entmystifizieren“! Durch eine Analyse und Beschreibung, durch das Einfangen der Unerklärlichkeit könnte der Sockel der angeborenen Andersartigkeit der Designer ins Wanken geraten. Und dann hätte man gar nichts mehr, was man auf die schwierigen Fragen über den Kern der Profession antworten könnte. Auch das mag ein Grund dafür sein, dass manche Designer die Beschäftigung mit Designtheorie ablehnen. In Wirklichkeit ist es aber so, dass gerade die Designtheorie hilft, fundierte Antworten zu liefern. Der Weg der Mystifizierung ist jedenfalls ein falscher Weg, weil er zu allgemeinem Unverständnis für die Profession eines Designers führt.
Aber bleiben wir noch kurz bei dem geheimnisvoll talentierten Designer: Die unerklärliche Begabung, die angeborene Kreativität, der von außen nicht zu durchschauende Prozess … das alles kennt man bereits von einer anderen Personengruppe: den Künstlern.Ja, Design und Kunst, das ist so ein Thema. Jetzt sind wir bei den tiefen Wurzeln des Designs angelangt: Design hat sich aus der Kunst heraus entwickelt und konnte sich bis heute nicht komplett davon abnabeln. Das sieht man daran, dass immer noch heftig darüber diskutiert wird, was denn nun der Unterschied zwischen Design und Kunst sei. Der fehlende Konsens über Gemeinsamkeiten und Unterschiede führt zu einer Unsicherheit unter Designern, schließlich wird angenommen, dass sie als „Experten auf diesem Gebiet“ die Antwort kennen sollten. Unsicherheit kann aber zu dem eben beschriebenen sackgassigen Weg der Mystifizierung führen. Sackgasse trifft die Sache vielleicht nicht ganz: Der Weg führt sogar in die falsche Richtung! Wie man sieht, vereint diese Mystifizierung Kunst und Design wieder auf eine Art und Weise, die von den Marschierenden auf diesem Weg sicherlich nicht beabsichtigt war.
Moment, da wir schon bei den Wurzeln des Designs sind, bleiben wir kurz an diesem Punkt vor ca. 150 Jahren. Das, was wir heute unter Design verstehen, wurde im Zuge der Industrialisierung geboren. Die ersten Designer waren stolz darauf, dass sie die sonst unbeliebten Erzeugnisse der Massenproduktion so aussehen lassen konnten, als seien sie nach wie vor per Hand gefertigt. Sie wurden in Produktionsprozesse integriert ohne sich von Anfang an reflektiert damit auseinanderzusetzen. Doch schon bald wollten sich nicht mehr alle Designer als reines „Werkzeug der Industrie“ benutzen lassen. Die ersten Ansätze von Reflexion im Design waren bei der Arts and Crafts Bewegung zu finden. Diese englische Bewegung richtete sich gegen die als „seelenlos“ empfundenen Produkte der Industrie. Mit der Gründung des Deutschen Werkbundes im Kontext des Funktionalismus veränderte sich der Designbegriff: Rein ästhetische Gestaltungsprinzipien wurden um „form follows function“ ergänzt. Eine bis heute prägende Auseinandersetzung mit Design und seinem Einfluss geschah schließlich am Bauhaus: Die Idee der Bauhäusler war es, den Unterschied zwischen Designer und Handwerker aufzuheben und gesellschaftliche Unterschiede zu beseitigen. Doch die Realität sah anders aus: Diese Grundsätze standen in starkem Kontrast dazu, was vom Markt gefordert wurde. Spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts war das „Styling“ nicht mehr nur in den USA ein Erfolgsmodell. Daran konnte auch die „Gute Form“ der Ulmer Schule nichts ändern. Gut, wir wissen nun – was wir schon geahnt haben: Die Wirtschaft hat extrem viel Einfluss auf das Design. Inwiefern steht das im Zusammenhang mit Designtheorie? Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück: Was ist damals am Bauhaus oder der Ulmer Schule genau passiert? Nun, es gab eine ausgeprägte Theoriebildung im Design. Der Mensch sollte durch das Design „erzogen“ werden. Aus heutiger Sicht wird das bedingungslose Fordern der „Guten Form“ als Ideologie eingestuft. Ist das die Art der Theorie, die wir suchen? Nein: Das ist Designtheorie-Geschichte! Das ist außerdem Designtheorie, die an der wirtschaftlichen Realität gescheitert ist. Für das Engagement für ihre Weiterentwicklung waren das damals schon harte Schläge.
Nun kennen Sie einige Gründe, warum viele Designer bisher nichts mit dem Thema Designtheorie anfangen können. Die entscheidende Frage ist aber doch: Was ist – also was beinhaltet Designtheorie: Worum geht es bei Designtheorie eigentlich? Bei den Antworten auf die folgenden Fragen lehne ich mich an eine Auseinandersetzung des Designtheoretikers Siegfried Maser. Erstaunlich ist, dass er den entsprechenden Vortrag bereits 1975 gehalten hat!2
Sehen wir uns erst den allgemeingültigen Unterschied zwischen Theorie und Praxis an: Die Gesamtheit des Agierens, Handelns und Machens wird als Praxis bezeichnet; die Gesamtheit des Denkens, Reflektierens und Argumentierens ist die Theorie. Also alles, was sich denkend, erkennend und argumentierend mit Design auseinandersetzt, gehört zur Designtheorie.3 Das können (zumindest zunächst noch) abstrakte Dinge sein, wie zum Beispiel das Wesen und die Ursachen von Design oder ganz pragmatische Dinge, wie Methoden und Herangehensweisen im Designprozess. Ja, Designtheorie kann durchaus praktisch sein (im wahrsten Sinne des Wortes). Das beantwortet aber noch nicht ganz die Frage: Wozu brauchen Designer eine Designtheorie?

Für ein Selbstverständnis: Wenn wir Designer ein gemeinsames Selbstverständnis erreichen wollen, brauchen wir die Designtheorie. Also, wenn wir beschreiben wollen, was Designer eigentlich tun und warum man Designer braucht. Wenn man wissen will, was die Profession eines Designer ausmacht und was ihn vom Künstler unterscheidet. Wir brauchen die Designtheorie, damit wir als Designer auf einem stabilen Sockel stehen und nicht auf wackeligen Beinen, sobald wir nach diesen Antworten gefragt werden.

Aus pragmatischen Gründen: Wir brauchen die Theorie, damit man etwas in der Tasche hat, auf das man sich verlassen kann, wenn man vor dem weißen, leeren Papier sitzt (und hoffentlich bald vor dem ersten Entwurf.) Damit man nicht auf gut Glück arbeiten muss, denn auf gut Glück ist bekanntlich kein Verlass. Damit man argumentieren kann, warum man was, wie gemacht hat: damit man nicht aus der Luft oder aus dem Bauch heraus argumentieren muss. Um sich selbst, Kollegen im Team, Auftraggebern und jedem Anderen seine Arbeit erklären zu können. Damit man Design beurteilen kann, ohne nur mit seinem Geschmack zu argumentieren (oder aus der Luft oder aus dem Bauch heraus): damit man über Design diskutieren kann, damit man seine Argumente begründen kann, damit man die Begründungen nachprüfen kann.

Für das Design an sich: Wir brauchen die Theorie, damit sich die Disziplin Design innerhalb anderer Disziplinen positionieren kann, damit man versteht, welche Rolle das Design spielt – und welche Rolle der Designer. Damit man versteht, wie Design als Subsystem in anderen Systemen begriffen werden muss: also, damit man Design in allen seinen Dimensionen begreift. Designtheorie schafft einen Raum, in dem man sich über Ziele und Ideale im Design auseinandersetzen kann, in dem man sich mit der Zukunft von Design beschäftigt oder nach der Beziehung zwischen Design und Kunst fragen kann. Schließlich braucht man die Theorie auch, damit man erkennt und versteht, wie Design gelehrt werden kann.

Wir brauchen Designtheorie notwendigerweise, denn: „Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie  ist blind.“ 4

„Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie ist blind“ – dieser Satz erklärt zum einen, dass Theorie nur dann Sinn macht, wenn sie einen direkten Bezug zur Praxis hat. „Theorie rechtfertigt sich allein durch eine verbesserte Praxis“5, sonst wäre sie tatsächlich reiner Selbstzweck, wäre „überflüssig“. „Praxis ohne Theorie ist blind“ heißt aber auch, dass die Praxis notwendigerweise ein theoretisches Fundament braucht. Denn wie sollte man etwas bewerten, etwas planen, oder etwas erklären, wenn man keine Argumente hat. Argumente kommen letztlich immer aus der Theorie. Selbst wenn sie aus der Praxis kommen, sind sie nur zu Argumenten geworden, weil man über die Praxis nachgedacht hat (= Theorie). Also halten wir fest: Praxis und Theorie sind eben nicht durch eine Kluft getrennt. Praxis und Theorie brauchen einander notwendigerweise. Keiner der beiden „kommt ganz gut allein zurecht“.
Designtheorie richtet sich daher vor allem an Designer aus der Praxis, (um diese Betonung und Unterscheidung noch ein letztes Mal zu bemühen) – aber eben nicht nur! Die Designtheorie hilft auch Fachleuten aus anderen Bereichen, wenn sie im Zuge interdisziplinärer Problemlösung mit Designern arbeiten. Die Designtheorie hilft auch der Allgemeinheit, die Profession eines Designers zu verstehen. Aus diesen Gründen sollte eine Designtheorie allgemeinverständlich sein. Fest steht jedenfalls: Nicht nur Designtheoretiker sollten die Designtheorie weiterentwickeln, sondern auch eine reflektierte Designpraxis. Theoretiker seien – wie bei jeder Disziplin – angehalten, bei allen Inhalten bewusst den Bezug zur Praxis zu betonen. Und: Auch andere Wissenschaften können einen Beitrag leisten. Sie werden sehen, in wie viele andere Fachgebiete der Designer blicken muss, um Design in seiner ganzen Dimension zu begreifen.Schließlich interessiert noch die Frage: Wie geht man dabei vor, wenn man die Designtheorie weiterentwickeln will? „Designtheorie ist Modellbildung, ist ständige Abbildung der Wirklichkeit wie sie ist oder wie sie sein könnte oder sollte.“6 Also genau so, wie in anderen Wissenschaften, könnte man sagen. „Designtheorie hat für alle Fragen der Design-Praxis eine Antwort zu geben. Designtheorie ist, wie Design-Praxis, selbst Prozeß.“7 Das heißt, man soll keine Angst vor (zunächst) offenen Fragen haben. Denken Sie mal an die Physik oder die Biologie: Handfeste Wissenschaften würden Sie sagen, oder? Dann vergegenwärtigen Sie sich, wie viele unbeantwortete Fragen sich in deren immensem Wissensschatz tummeln. In diesem Zuge ist es elementar wichtig unvoreingenommen „frei denken“ zu können: sich nicht an alte Meinungen und Schemata zu klammern, die einer fundierten Argumentation eventuell nicht standhalten können. Seien Sie offen für Diskussionen! Argumentieren Sie! Und beziehen Sie Position!

Lassen Sie mich noch diese eine letzte Bemerkung machen, bevor es endgültig losgeht. Wenn in diesem Buch von Designern die Rede ist, meine ich damit ausdrücklich Männer und Frauen.

Leider ist es nach wie vor so, dass Frauen im Design eine schwierigere Stellung haben und berühmte Designerinnen seltener sind, als erfolgreiche Männer. Der Männeranteil ist auch heute noch sowohl in der Praxis als auch unter Lehrenden überwiegend. „In der Geschlechterfrage, so scheint es, sind die sonst so sehr um sozialkulturelle Avantgardestellung bemühten Designer eines der Schlusslichter der Entwicklung.“8

Obwohl heute die Zahl der Studierenden bekanntlich eher mehr Frauen als Männer aufweist, heißt das nicht, dass damit automatisch ein grundlegendes Umdenken hin zur Gleichberechtigung der Frauen im Design einhergehen wird. Dies kann nur durch eine bewusste Auseinandersetzung mit diesem Thema geschehen. Warum verzichte ich also dennoch auf den Begriff „Designerinnen“?
Eine erfolgreiche Designerin und liebe Kollegin von mir erklärte mir einmal, sie sehe sich selbst nicht unbedingt als „Designerin“ – sondern eher als Designer, der zufällig zugleich weiblich ist. Wenn ich also „Designer“ schreibe, meine ich damit: Es spielt keine Rolle ob nun gerade von einem Mann oder einer Frau die Rede ist. Nicht zuletzt dient die Verkürzung der besseren Lesbarkeit.

… weiterlesen